Versuch einer Rekonstruktion

Flucht und Vertreibung aus Windenau / Oberschlesien zurück - "in die alte Heimat" - nach Silbach / Westfalen

Mitgliedskarte LV Ostvertriebene NRW
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Flucht: Das Ausweichen von Nichtbeteiligten vor Kampfhandlungen ist eine uralte menschliche Reaktion. Auch im 20. Jahrhundert gab es solche Bewegungen. Die Menschen flohen vor der sich nähern-den Front oder vor den Bombardierungen der Städte. Flucht als „freiwillige“ Form der Wanderung zu charakterisieren ist zwar nicht ganz unzutreffend (man könnte ja auch dableiben, und viele haben es getan), aber die Entscheidung zur Flucht fiel unter existenziellen Druck und bedeutete größte Gefahr für Leib und Leben. Flucht kann organisiert werden: als Evakuierung, auch aus dem Frontgebiet, als so genannte Kinderlandverschickung oder dergleichen, sie kann aber auch ganz spontan unternommen werden – in Gruppen, Trecks oder einzeln. Von denen, die flüchten, wird Flucht immer als vorübergehendes Ausweichen angesehen; stets ist mit Flucht die Aussicht bzw. die feste Hoffnung auf Rückkehr verbunden. Viele Flüchtlinge kehrten so auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in ihre Heimat nach Osten zurück – oder sie versuchten es vergebens und wurden an den neuen Grenzen (z. B. an Oder und Neiße) abgewiesen: Aus Flüchtlingen waren damit Vertriebene geworden.

 

Hans Lemberg (2002): Mehr als eine Völkerwanderung. In: K. Erik Franzen (2002): Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 20.

Brief von Bernard Beule (22 Jahre) aus Lettland, Modon (19. September 1944) an seine Mutter

 

"(...) Eines jedoch für Euch; bleibt nicht in O-S (Oberschlesien) wenns schief gehen sollte, die Polacken (diskriminierender Begriff für Polen) werden nämlich furchbare Rache üben. Ja so ist das Leben, es gibt aber bestimmt keinen Herrgott mehr, wenn alles das umsonst wäre, wofür wir gekämpft haben. Nur nicht daran denken, eines Tages wird schon alles gut werden. (...)"

12. Januar 1945 - Beginn der sowjetischen Großoffensive aus dem Baranow-Brückenkopf [Westgalizien], die die deutsche Mittelfront zerreißt: Verlust der noch besetzten polnischen Gebiete, Oberschlesiens mit dem unversehrten Industriegebiet und Niederschlesiens östlich der Oder.

 

dtv-Atlas zur Weltgeschichte (1977), 12. Auflage, Bd. 2, 215.

Beginn der Fluchtbewegung der schlesischen Zivilbevölkerung einzeln und in Trecks nach Westen (Lausitz, Sachsen) bzw. Südwesten (Böhmen-Mähren).

 

Anmerkung zum Kriegsbeginn: "Überfall auf Polen - Beginn des Zweiten Weltkriegs": Am 1. September 1939 hat um 4.45 Uhr die Wehrmacht (4. Panzerdivision) bei Windenau (= Wichrau, heute Wichrów) `ohne großen Widerstand` die deutsch-polnische Grenze überschritten.

 


Handschriftliche Aufzeichnungen der Flucht und Vertreibung von Emil Beule (1945)
Handschriftliche Aufzeichnungen der Flucht und Vertreibung von Emil Beule (1945)

Die militärische Lage um die Jahreswende 1944/45 - Um die Jahreswende 1944/45 war die Rote Armee unter den Generalen Schukow und Konjew bis zur Linie Goldap (Ostpreußen) – Warschau vorgedrungen. Bei Baranow an der Weichsel, in der Nähe von Sandomierz, war ihr bereits die Bildung eines Brückenkopfes westlich der Weichsel gelungen. Von dort setzte die Rote Armee am 12. Januar 1945 zur Großoffensive nach Westen an. Die deutsche Mittelfront wurde überrannt, bald fielen auch große Gebiete des Altreichs in russische Hand. Der Durchstoß war einem Dammbruch von unsagbarem Ausmaß vergleichbar. Schlesien, das bisher als „Luftschutzkeller“ des Reiches gegolten hatte, wurde zunächst östlich, dann auch westlich der Oder im Sturm genommen. Breslau und Königsberg hielten sich als „Festungen“ – bzw. zum 6. Mai bzw. bis zum 9. Mai 1945 – im „roten Meer“. Die einheimische Bevölkerung und die Millionen nach Schlesien Verlagerten und Evakuierten erhielten erst im letzten Augenblick vor dem Auftauchen der Roten Armee den Befehl zur Flucht nach Westen. Das geschah im härtesten Winter bei 20 Grad Kälte. In Lebensnot und Todesangst versuchten sich Millionen unter unvorstellbaren Verhältnissen vor den aufgeputschten russischen Soldaten zu retten. [...]

 

Franz Scholz (1975): Görlitzer Tagebücher 1945/46. Wächter, wie tief ist die Nacht? Würzburg, 9.

"Trotz vieler Irrwege konnte die ober- und die niederschlesische Bevölkerung von Januar bis in die letzten Kriegstage hinein weitgehend ohne Übergriffe in Richtung Süden oder Südwesten über die schlesischen beziehungsweise böhmischen Gebirgsgruppen entkommen. Hier, ins Sudetenland, nach Böhmen und Mähren, setzten die in Schlesien kämpfenden sowjetischen Einheiten zunächst nicht nach, da sie ihr Weg weiter nach Westen führte. Dadurch verlief die Flucht in gewisser Weise leichter als zum Beispiel in Ostpreußen oder in Ostpommern – auch wenn die Anstrengungen für die Flüchtlinge wegen der geographischen Bedingungen und der Witterung groß waren."

 

K. Erik Franzen (2002): Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 117.

 

„Westwärts über das Riesengebirge, weiter durchs Sudentenland bis an die Grenze Bayerns, wo wir – inzwischen aller Habe durch die nachfolgenden Russen befreit – an dichtgemachten Grenzen stießen, zurück mussten in die Hölle und dann nordwärts (nur noch mit einem stets kaputten Handwägelchen) das Erzgebirge überquerten. Ziel: nur noch nach Hause, um wenigstens dort zu sterben ... Aber auch der Weg ostwärts gelang nur bis zur Görlitzer Neiße. Auch da wurde niemand mehr durchgelassen, also westwärts zurück, bis man uns irgendwo in Sachsen-Anhalt aufnahm. Auch nicht wie arme, gebeutelte Kaum-noch-Menschen, sondern unserem damaligen Aussehen entsprechend wie „räudige Hunde“. Allein die Luftlinie unseres Fußmarsches dürfte die 700 Kilometer überschreiten.“

 

Gisela Retter, Jahrgang 1924, aus Schlesien. In: K. Erik Franzen (2002): Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 117.


Landwirtschaftlicher Betrieb Emil Beule in Wichrau
Landwirtschaftlicher Betrieb Emil Beule in Wichrau

Wichrau, Windenau (Wichrówliegt im Nordosten der Woiwodschaft Oppeln, nordöstlich der Kreisstadt Olesno (Rosenberg O.S.) und im Norden Oberschlesiens (ehem. Grenzgebiet Deutschland / Polen - 1939).

 

Die Ortschaft Wichrau entstand im 16. Jahrhundert. Der Ortsname Wichrau leitet sich wahrscheinlich von dem Personennamen Wicher ab. Zwischen dem 27. April 1936 und 1945 hieß der Ort Windenau. Am 1. April 1939 wurde Windenau in den Ort Grunsruh (Bodzanowice) eingemeindet.

 

1932 siedelte die Familie Emil Beule von Silbach / Westfalen (Sauerland) nach Windenau / Oberschlesien um.

  • Kauf eines 16,34 Hektar großen landwirtschaftlichen Betriebes (Streubesitz: Äcker 13,81 ha, Wiesen 0,72 ha, Hof, Wege, Gräben 1,81 ha) von der „Oberschlesischen Landgesellschaft G.m.b.H.)“
  • Hof V in der "Siedlung", Wohnhaus mit anliegendem Stall, Scheune und Geräteschuppen, Baujahr 1931, massive Bauart mit Ziegeldach
  • "zeitweise sogar Hilfkräfte beschäftigt und bezahlt"
  • Tierbestand 1945: 2 Pferde, 1 Fohlen, 5-6 Kühe, 3 Rinder, 2 Kälber, 2 Sauen, 10 Futterschweine
  • Maschinelle Ausstattung: Dreschmaschine, Schrotmühle, Grasmäher, Pferderechen, Kartoffelroder, Kartoffellochmaschine, Sämaschine, Ackerwagen und das übliche Ackergerät
  • Wert des Hofes aufgrund der Feststellung des Einheitswerts von 1935: 8.500,00 RM

Reichssiedlungsgesetz (RSG) - Oberschlesische Landgesellschaft

 

"Mit dem Reichssiedlungsgesetz vom 11. August 1919 wurde die rechtliche Basis für einheitliche Siedlungsverfahren und die Bereitstellung des Siedlungslandes geschaffen. Die Bundesstaaten wurden gesetzlich verpflichtet, gemeinnützige ländliche Siedlungsunternehmen zu begründen. In der Not nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Nutzung der land- und ernährungswirtschaftlichen Potentiale sowie die Schaffung neuer Existenzmöglichkeiten für Familien höchste Priorität. Zu den klassischen Aufgaben der gemeinnützigen Landgesellschaften bei der ländlichen Siedlung gehören der Erwerb und die Bereitstellung von Siedlungsland, die Schaffung von Neusiedlerstellen, Aufstockung bestehender Kleinbetriebe, Ansiedlung von Landarbeitern, Besitzfestigung durch Regelung der Schuldverhältnisse, Förderung gemeinschaftlicher Einrichtungen und Handwerksbetriebe in den Dörfern, Ausstattung der Gemeinden mit Grundbesitz sowie Meliorationsmaßnahmen. Also die ganze Bandbreite der Landentwicklung, von der Landbeschaffung über die Bodenordnung, Planung und Bau von landwirtschaftlichen Siedlungen bis zum Neu- und Ausbau der Infrastruktur in den Dörfern und ländlichen Regionen. (...) Seit Bestehen des RSG (konnten) von 1919 bis 1933 insgesamt 1.057.636 Hektar Siedlungsland bereitgestellt oder erworben werden (...). Damit wurden 62.371 Neusiedlerstellen mit einer Durchschnittsgröße von etwa 10 Hektar geschaffen (... darunter die Familie von Emil Beule im Jahr 1932).  Das gesetzte Ziel von 10.000 Siedlerstellen pro Jahr wurde nur 1931 und 1932 mit gut 9.000 Stellen annähernd erreicht."

 

Heinz Wiese / Egon Freiherr von Gayl: Entstehung und Aufgaben gemeinnütziger Siedlungsunternehmen - Ländliche Siedlung bis 1945, 8ff. In: Bundesverband gemeinnütziger Landgesellschaften (1999): Von der ländlichen Siedlung zur integrierten Landentwicklung. Bonn.

Auszug aus einem Beschwerdeschreiben von Maria-Elisabeth Schneider (geb. Beule) vom 03. Juni 1962 im Rahmen des Entschädigungsverfahrens:

 

"(...) Gegen die Feststellung, dass ein Vermögen von über 20.000,- RM. nicht festgestellt wurde, erhebe ich schärfsten Protest. Der von meinem Vater im Jahr 1932 erworbenen Hof kostete im Juli 1932 35.000,- RM. Hierzu kommen dann noch das lebende und tote Inventar welches zur Bewirtschaftung eines landwirtschaftlichen Betriebes von 16 ha erforderlich ist. Ausserdem eine allgemeine Wertsteigerung bis 1945 und unter anderm durch Verbesserung an Gebäuden und landwirtschaftlichen Nutzflächen. Dies könnte ich durch Zeugen beweisen. Mein Vater hatte einen erlittenen Schaden  in Höhe von 40.000 - 44.000 RM angemeldet. Verlangen Sie noch mehr Bescheidenheit? (...)"

Januar 1945

  • 15. Januar 1945: Bezahlung von Versicherungsbeträgen der Schlesischen Provinzial-Feuersozität (Gebäude-Feuer-Versicherung, Gebäude-Sturmschaden-Versicherung: 12,90 RM)

    Die Bezahlung der Versicherungsbeiträge kann wohl eher als Ausdruck gewertet werden, dass man auf die Flucht nicht wirklich vorbereitet war bzw. die dramatischen Auswirkungen der sowjetischen Großoffensive unterschätzt hat!

  • 18. Januar 1945: Beginn der Flucht - vier Personen, zwei Pferden und einem Wagen, wahrscheinlich über Rosenberg und Oppeln nach Kirchwalde (Chudoba) westlich von Oppeln (Opole); "Oma" und "Oppa" bleiben in Oberschlesien - später Briefkontakt
  • 19. Januar 1945: Erste sowjetische Truppen an der ehemaligen Staatsgrenze (1939) im Raum Kreuzburg (Kluczbork) / Rosenberg (Olesno)
  • 20. Januar 1945: Alt Schalkendorf (Stare Siolkowice)
  • 22. Januar 1945: (?) Grottkau (Grodków)
  • 24. Januar 1945: Heidersdorf (Lagiewniki)
  • 25. Januar 1945: Pfaffendorf (Ksiaznica - nordwestlich Faulbrück)
  • 27. Januar 1945: Kunzendorf (Komorow - westlich Schweidnitz)
  • 29. Januar 1945: Hohenfriedeburg (Dobrromierz)

März - Mai 1945

  • 02. März 1945: Straupitz (Stroupec) - Nr. 20 (lt. FU-Ausweis); vermutlicher Aufenthaltsort bis 21. Mai 1945; bislang ca. 500 km mit Pferden und Wagen auf der Flucht.
Familienunterhalt
Familienunterhalt
165 Reichsmark
165 Reichsmark
Räumungs-Familienunterhalt
Räumungs-Familienunterhalt

!!! Deutsche Kapitulation 7. Mai 1945 !!!

 

Die Kapitulation verändert dramatisch die Situation der Flüchtlinge: Angst vor Repressalien bishin zur Exekution und Hoffnung auf die Möglichkeit der Heimkehr motivieren zum erneuten Aufbruch!

 

09. Mai 1945: Postelberg (Postoloprtý) - nordöstlich von Saaz (Zatec); “Exekution von mindestens 800 Deutschen“

 

Peter Glotz (2003): Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück, 191.

 

 

„Je nachdem, wie weit man zum Zeitpunkt der Kapitulation von der Ostfront entfernt war, zog man per Treck natürlich in die Heimat zurück.“

 

Gerhard Walter,aus Schlesien. In: K. Erik Franzen (2002): Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 120.

 

"Zurück – das war der erste Gedanke vieler Flüchtlinge. Wohin auch sonst? Die Heimat hatte starke Sogkraft, dort hofften sie ihre wirtschaftliche Existenz und das private Wohlbefinden wieder zu finden.

 

Den Flüchtlingen lag nichts ferner als der Gedanke, die Herauslösung aus ihrer Heimat könnte von langer Dauer oder gar eine Trennung auf Lebenszeit sein. Einer kriegsbedingten Räumung folgte in diesem Verständnis die Rückwanderung nach Beendigung der Kampfhandlungen."

 

K. Erik Franzen (2002): Die Vertriebenen. Hitlers letzte Opfer, 118, 120.

 

„Am 12. Mai 1945 sagte Beněs in einer Rede in Brünn: „Das deutsche Volk hat in diesem Krieg aufgehört, menschlich zu sein, menschlich erträglich zu sein, und erscheint uns nur noch als ein einziges großes Ungeheuer ... Wir haben uns gesagt, dass wir das deutsche Problem in der Republik völlig liquidieren [vylikvidovat] müssen.“ Diese Arbeit begann sofort. Schon wenige Tage später mussten alle Deutsche eine Armbinde mit dem Buchstaben N für Němec – Deutscher – tragen.“ 

 

Peter Glotz (2003): Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück.186.

16. Mai 1945: Tscheschische Bescheinigung zur Ausreise nach Windenau / Oberschlesien und/oder Brilon / Westfalen.

 

Zu diesem Zeitpunkt war wohl eher noch eine Rückkehr nach Windenau / Oberschlesien "geplant"! Dies wird auch durch den weiteren Verlauf der "Flucht" in Richtung Neisse deutlich!

Bescheinigung Windenau / Oberschlesien
Bescheinigung Windenau / Oberschlesien
Bescheinigung Brilon / Westfalen
Bescheinigung Brilon / Westfalen
  • 21. Mai 1945: "Abfahrt"
  • 22. Mai 1945: Karlsbad (Karlovy Vary)
  • 23. Mai 1945: Alt Rohlau (Stare Role)
Gepäckschein Nr. 670
Gepäckschein Nr. 670
  • 24. Mai 1945: Alt Rohlau (Staree Role) - wahrscheinlich über Neudeck (Nejdek), Johangeorgenstadt, Schwarzenberg durchs Erzgebirge nach Aue
  • 25. Mai 1945: Aue
  • 27. Mai 1945: Dresden
  • 30. Mai: Coswig

Fluchtroute "Frau (Maria Beule) und Kinder" (Maria-Elisabeth und Fritz Beule)

Juni 1945

  • 21. Juni 1945: Nadelwitz - Trennung von "Ehemann und Vater"

Juli 1945

  • 04. Juli 1945: Sollstedt - Grafschaft Hohenstein, südwestlich Nordhausen
Bescheinigung der Gemeinde Sollstedt
Bescheinigung der Gemeinde Sollstedt
  • 07. Juli 1945: (?) Duderstadt - östlich Göttingen
  • 08. Juli 1945: Kassel
  • 11. Juli 1945: Scherfede / Kreis Warburg

 

... fast zu Hause!

 

Danach eine nicht nachvollziehbare Routenänderung  von "Frau und Kinder" "wieder" in Richtung Osten!

 

  • 20. Juli 1945: Stadtkreis Weimar
Lebensmittelbescheinigung Stadtkreis Weimar
Lebensmittelbescheinigung Stadtkreis Weimar
  • 24. Juli 1945: Zwickau
Verpflegungsnachweis Zwickau
Verpflegungsnachweis Zwickau
  • 27. Juli 1945: Göttingen

August 1945

  • 01. August 1945: Warburg
  • ? August 1945: Silbach (Ende der Flucht und Rückkehr in die alte Heimat - "Frau und Kinder" erreichen Silbach etwa einem Monat später als Emil Beule)

Februar 1945

  • 01. Februar 1945: Bolkenhain (Bolkow südlich Jauer) - "Frau ins Krankenhaus Bolkenhain"
  • 05. Februar 1945: Jauer (Jawor) - "Wagen und Pferde nach Jauer"
  • 11. Februar 1945: "Fritz zu Mamma"
  • 13. Februar 1945: Landeshut (Kamienna Góra)
  • 17. Albendorf b. Landeshut (Okrzesyn) - Schömberger Gebirge, Grenzübergang Polen / Tschechien)
  • 18. Februar 1945: Arnau (Hostinne) - westlich von Trautenau (Trutnov) - Treckleitstelle Trautenau: Marschbefehl für Treck Hohenfriedeburg, Kreis Jauer, von Trautenau in Richtung Jitschin nach Melnik
Marschbefehl für Treck Hohenfriedeburg
Marschbefehl für Treck Hohenfriedeburg
Handschriftliche Aufzeichnungen Rückseite Marschbefehl für den Treck Hohenfriedeburg
Handschriftliche Aufzeichnungen Rückseite Marschbefehl für den Treck Hohenfriedeburg
  • 19. Februar 1945: Hennersdorf (Volni Branna) - Huttendorf (Zálesni Lhota) - Studennetz (Studenec) - Falgendorf (Horka) (?) - Neu Paka (Nová Paka)
  • 20. Februar 1945: Jitschin (Jicin) - Durchgangslager Jitschin; Marschbefehl Durchgangslager Sobotka (?)
Marschbefehl Durchgangslager Sobotka
Marschbefehl Durchgangslager Sobotka
  • 21. Febrauar 1945: Jung Bunzlau (Mladá Boleslav)
  • 22. Melnik - Zusammenfluss von Moldau und Elbe, etwa 30 km nördlich von Prag
  • 23. Februar 1945: "über" Melnik - Liboch (Libchov (?)
  • 24. Februar 1945: Wegstädtl (Steti)
  • 26. Februar 1945: Leitmeritz (Litomerice) - Elbe, Böhmisches Mittelgebirge; Marschbefehl von Leitmeritz nach Bilin (Bilina) (?) - 4 km südlich von Leitmeritz liegt das Konzentrationslager Theresienstadt
Anweisung auf Futtermittel für den Flüchtlings-Treck
Anweisung auf Futtermittel für den Flüchtlings-Treck
Marschbefehl Leitmeritz nach Bilin
Marschbefehl Leitmeritz nach Bilin
Handschriftliche Aufzeichnungen Rückseite Marschbefehl Leitmeritz nach Bilin
Handschriftliche Aufzeichnungen Rückseite Marschbefehl Leitmeritz nach Bilin
  • 27. Februar 1945: Liebshausen-Wichechlat (Libceves) - Ranny (Raná) - Hradek - Weberschan (Brvany) - (?) - Wittosee (Bitozeves) - (?) - Saaz (Zatec)
  • 28. Februar 1945: Saaz (Zatec) - Eger; Marschbefehl Saaz: Strecke Liebshausen, (Libceves) - Horatitz (Horetice) / Straupitz (Stroupec); Marschziel Horatitz (Horatice) (?)
Marschbefehl Marschziel Görlitz
Marschbefehl Marschziel Görlitz

Juni 1945

  • 01. Juni 1945: Weissig
  • 02. Juni 1945: Fischbach (bei Arnsdorf)
  • 06. Juni 1945: Putzkau
  • 07. Juni 1945: Löbau - "im Hotel"
  • 08. Juni 1945: Reichenbach (?)
  • 09. Juni 1945: Klein Neundorf - "bei Görlitz", Flüchtlingslager
Amtliche Bescheinigung des Gemeindsvorstands Kunnerwitz, Landkreis Görlitz
Amtliche Bescheinigung des Gemeindsvorstands Kunnerwitz, Landkreis Görlitz
  • 12. Juni 1945: "nach Görlitz"

„In diesen Tagen wird die Neiße, ein schmales, unscheinbares Flüsschen aus dem Isergebirge, zur historischen Wasserscheide. Westlicherseits erstreckt sich das, was noch von Deutschland übrig ist, das verwüstete Sachsen, die Lausitz, unter sowjetischer Verwaltung. Im Osten regieren die von den Russen abhängigen Polen, im Süden die Tschechen. Den provisorisch arbeitenden Behörden und der ausgehungerten Bevölkerung werden die Überflüssigen von hüben und drüben jeweils vor die Tür gekippt – Hunderttausende irren herum, ohne Ziel, ohne Obdach. Du kannst links, du kannst rechts, oder du kannst ins Wasser“: Die zynische Antwort eines Rotarmisten auf die ratlose Frage eines Vertriebenen am Neiße-Ufer ist mehrfach überliefert. Das war offenbar so ein Spruch, den sich die Besatzer zurechtgelegt hatten. Wehe den Besiegten! Und die meisten wollten nicht nach rechts oder links, die wollten zurück in ihre Heimat. Der Krieg war zu Ende, und die Rote Armee stand an der Elbe. Statt im überfüllten Berlin oder im zerbombten Dresden auszuharren, machten sich viele auf den Weg nach Hause. Sie wussten ja nicht, dass sie gegen den Strom der Geschichte liefen. Schlesien und Pommern – das schienen doch zunächst nur Teile der großen sowjetischen Besatzungszone. In Görlitz, der heute zwischen Deutschland und Polen geteilten Grenzstadt, in der so wunderschöne Häuser stehen, dass sie ein halbes Jahrhundert später zum Kulturerbe der Menschheit erklärt werden sollen, lag damals eine der wichtigsten Brücken über die Neiße nach Schlesien. Und auf der Brücke brandete das Elend jetzt aus zwei Richtungen gegeneinander: Vertriebene aus dem Osten prallten auf Rückkehrerströme, die vom Westen her kamen. Pfarrer Franz Scholz von der Görlitzer Bonifatius-Gemeinde, die am östlichen Ufer der Stadt siedelte, notierte am 26. Mai: „Draußen immer stärkere Elendshaufen. Sie bitten um Brot.“ Die kommen nicht aus dem Osten, „ die wollen in ihre Heimat in Richtung Osten zurück.“ Die wenigsten, die nun über die Neiße nach Schlesien drängen, machen sich klar, was die „daheim“ erwartet: verbrannte Erde, zerstörte Häuser. Denn das Land war beim Rückzug der deutschen Wehrmacht verwüstet worden, dann waren die russischen Panzer darüber gerollt, und schließlich hatten die marodierenden Rotarmisten geplündert und gebrandschatzt, was noch übrig geblieben war. Und trotzdem: Über ein Millionen Menschen quälten sich über die kaputten Straßen nach Hause. Noch ist die Heimat für zwei Mark zu haben: So viel kosteten die „Passierscheine“, welche die Polen an alle Rückkehrer-Flüchtlinge mit einem Zielort östlich der Neiße ausstellen. Die Zettel gibt es freilich nur langsam und zögernd, und das mit Absicht. Sollen so viele Deutsche wirklich nach Breslau, Gleiwitz und Stettin zurückkehren? Während die zerlumpten hungrigen Gestalten von Pfarrer Scholz und anderen wenigen Hilfskräften mit Suppe versorgt werden und der Stau der Menschen, die sich hier von Osten nach Westen und umgekehrt entgegenlaufen, immer größer wird, herrscht höheren Orts erst mal eine andere Art von Chaos. Wie die Geschichte mit Deutschlands Ostgebiet weitergehen soll, scheint niemandem klar zu sein. Denn die Grenzen nach dem Sieg waren von den Alliierten bis dahin nur in groben Zügen vorbesprochen. [...]

 

Franz Scholz (1975): Görlitzer Tagebücher 1945/46. Wächter, wie tief ist die Nacht? Würzburg

 

Görlitz, 28. Mai 1945. Pfarrer Scholz notiert in seinem Tagebuch, das später als Zeitdokument veröffentlicht  „Die nach Osten wogenden Ströme der heimkehrenden Flüchtlinge werden ab heute von schwer bewaffneten Kommandos an der Schenkendorffstraße aufgehalten. Zu Hunderten und Tausenden stehen sie da mit ihren Gespannen.“

 

In der Woche zuvor hatte Wladyslaw Gomulka, der mächtige Generalsekretär der polnischen KP, beim Plenum des Zentralkomitees Krisenstimmung verbreitete: Die „Rückkehr der Deutschen“ bringe die Vereinbarungen der Alliierten in Gefahr.

 

Am 1. Juni werden fünf Divisionen der neuen polnischen Armee an die Oder und an die Görlitzer Neiße beordert. Der Eiserne Vorhang geht herunter. Rückkehr der Deutschen nach Schlesien oder Pommern verboten. Wer es trotzdem wagt, landet in den Folterkellern im Osten von Görlitz. [...]“

 

Thomas Darmstädter / Klaus Wiegrefe (2003): "Lauft, ihr Schweine!". In: Stefamn Aust / Stephan Burgdorff (Hrsg.) (2003): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Bonn. 92-95.

Fluchtroute Emil Beule

Juni 1945

  • 21. Juni 1945: Nadelwitz - "Frau und Kinder verloren"
  • 22. Juni 1945: (?) über Bautzen
  • 24. Juni 1945: Brauna / Kreis Kamenz
  • 26. Juni 1945: Folbern - Meissen - Triebischtal (?) - Nossen

Juli 1945

  • 01. Juli 1945: Colditz - Mulde
  • 02. Juli 1945: Leipzig (?)
  • 03. Juli 1945: Heiligenstadt - Eichsfeld, südöstlich Göttingen
  • 04. Juli 1945: Kassel - Warburg
  • 05. Juli 1945: Warburg - Silbach (Ende der Flucht und Rückkehr in die alte Heimat)

Auszug aus Geschichte der Bergfreiheit Silbach - 1945/46 von Franz Diebel:

"Rückkehr der Evakuierten ins Ruhrgebiet. Zustrom von 190 Ostvertriebenen (38 Familien) aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern, beraubt der angestammten Heimat, allen Besitzes und der Existenz. Schwierigkeiten der Unterbringung in Wohnungen, Versorgung, Arbeitsbeschaffung. Abwanderung."


Die Rückkehr nach Silbach war wohl nur vorübergehend vorgesehen. Ein schriftlicher Briefwechsel mit einer ehemaligen Nachbarin vom 24. November 1946 belegt, dass immer noch - sehr konkret - über eine Rückkehr nach Windenau (Wichrow), Oberschlesien nachgedacht wurde. 

Auszug aus einem Brief einer ehemaligen Nachbarin vom 24. November 1946:

 

"(...) Sonst ist in Windenau ausser Jagusch und Oblonk (bei der Schule) seiner Scheune, die durch die Front abgebrannt sind, nichts zerstört. Wenn Ihr aber die Siedlung sehen würdet, so wie es jetzt hier aussieht, dann sagt Ihr bestimmt, das ist nicht die Siedlung, in der wir gewohnt haben. Bei Euch Döring, Keuthens, Jansen, Seidel ist alles fort. Sämtliche Maschinen, Möbel, das Vieh, also alles was nicht niet- und nagelfest war, ist gestohlen worden. Ein Bild des Jammerns. Eine Handgranate ist Euch fast in die kleine Stube reingeflogen, hat nur ein kleines Loch in die Mauer gerissen und noch eine ein Stück vom Giebel von Eurer Scheune abgerissen. Das Feld darf sich jeder selbst (?). Den anderen Siedlern geht es genauso dreckig wie uns. Mit dem Hof zurück bekommen, das ist ein schwieriges Kapitel. Frau Jansen läuft sich die Füsse wund wegen Ihrer Wirtschaft und bekommt sie vielleicht doch nicht. Sie schreiben liebe Frau Beule, dass Ihr Mann hier Weihnachten kommen würde. Ob er überhaupt hier rüber kann, ist fraglich. Er würde auch so nichts hier erreichen. Für Sie ist es besser, Sie bleiben noch in Silbach. Nun werden Sie denken, das ich Sie vielleicht irgendwie aufhalten will. Nein, glauben Sie mir! Hier ist vorläufig nichts zu wollen. Ich werde Ihnen schon rechtzeitig schreiben, wann Sie kommen sollen. Denn wir wissen, was wir für Nachbarn hatten und was wir für welche jetzt haben, wir wissen wer uns lieber ist. (...)"

Auszug aus einem Geburtstagsbrief von Hans Beule an seine Schwester Maria-Elisabeth vom 01. Juli 1947:

 

"(...) Es werden ja gewiss noch einmal bessere Zeiten kommen. Vielleicht kommen wir noch einmal nach Schlesien zurück. Dann wird es uns auch wieder besser gehen. Nur, dass Mama tot ist ja so traurig. Das Schicksal kann uns ja nicht nur immer Unglück bringen. (...)"

Parallel zur "Hoffnung auf Rückkehr" wurde von Emil Beule am 15. September 1946 bei der "Landwirtschaftlichen Beratungsstelle für die Landbauernschaft e. V." ein Antrag auf Erwerb einer Siedlerstelle in Westfalen gestellt.

 

In einem Schreiben vom 24. Juli 1951 wendet sich Emil Beule an die Siedlungsgesellschaft Deutsche Bauernstiftung.

 

"Von der Siedlungsberatungsstelle Arnsberg der Gesllschaft zur Förderung der inneren Kolonisation (G.F.K.) e. V. Meldestelle für Siedlungsbewerber wurde mir der beiliegende Siedlungsschein, ausgefertigt am 20.Juli 1951, zugestellt.

 

Hiernach liegen die Voraussetzungen für ein Siedlungsunternehmen vor.

Da ich den allergrößten Wert darauf lege, möglichst umgehend wieder eine Siedlerstelle zu erhalten, stelle ich hiermit den Antrag auf Vormerkung für das Siedlungsunternehmen.

 

Ich bitte, mir mitzuteilen, unter welcher laufenden Nummer ich für ein Siedlungsunternehmen dort vorgemerkt worden bin und wann ich gegebenenfalls mit einer Zuteilung der Siedlerstelle rechnen kann."

Im Zusammenhang mit einer eher unwahrscheinlichen Rückkehr nach Schlesien bzw. der erhofften Zuteilung einer neuen Siedlungsstelle in Westfalen muss - wahrscheinlich - auch die Ausbildung von Fritz Beule zum "Landwirtschaftlichen Gehilfen"  (Prüfung: 28. März 1951) gesehen werden.

Emil Beule verstarb am 02. Juni 1952 - sieben Jahre nach seiner Flucht bzw. Vertreibung aus Windenau / Oberschlesien in Silbach / Westfalen; seine Frau Maria verstarb bereits am 24. Dezember 1946.


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