Ermöglichen - Bildung bzw. Bildungspolitik als Ressource für Suffizienz

Ein schlichtes Kürzungsprogramm für den Konsum reicht nicht aus, um einen suffizienten Lebenstil zu gelangen - wir müssen den Wohlstand an Gütern, Zeit und Beziehungen neu denken und gewichten. Wesentlich ist hierfür Bildung, die nicht vorrangig auf wirtschaftliche Verwertung ausgerichtet ist, sondern das ganze Leben im Blick hat. Eine Bildung, die Menschen befähigt, ein sinnvolles, selbstbestimmtes Leben zu führen und ihre vielfältigen Bedürfnisse wie Gesundheit, Sicherheit, Respekt, Entfaltung der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft und Muße zu befriedigen und auf ihre eigene Art glücklich zu werden - ohne dass dies auf Kosten des Glücks von anderen geht.

 

Eine solche Bildung umfasst - neben dem bisher im Mittelpunkt stehenden Erwerb von Wissen - auch lebenspraktische, handwerkliche und musische Tätigkeiten. Diese Bildung ermöglicht Menschen Bestätigung und Selbstverwirklichung auch außerhalb der Berufswelt. Sie befähigt sie zu Tätigkeiten im Haushalt, in der Familie und in ehrenamtlichem Engagement und Partizipationsprozessen. Sie erleichtert eine verstärkte Versorgung mit Gütern, die selbst erzeugt und repariert sind oder mit anderen geteilt werden. Sie befähigt zu einem ressourcenleichten und beziehungsreichen Lebenstil und verbindet Lebenswissen und Lebenskunst.

 

Bildung für eine suffiziente Gesellschaft sollte die soziale, ethische und ästhetische Dimensionen des Lebens einbeziehen. Orientierungswissen und kritische Reflexion stärken die Urteilskraft für die eigene Lebensführung wie auch die politische Teilhabe. Eine solche Bildung kann helfen, Freiheit und Kontrolle über das eigene Leben (zurück-)gewinnen, die Komplexität der Welt sowohl zu verstehen als auch mit ihr umzugehen. Sie kann helfen, sich von den permanenten Wahlmöglichkeiten nicht lähmen lassen, nicht ständig maximale Auswahl anzustreben und zu lernen, worauf wir verzichten wollen. Bildung hilft uns bei der Suche nach dem rechten Maß, das immer wieder neu gefunden werden muss. (...)

 

(...) Das einfache oder das einfachere Leben ist auch deshalb sinnvoll, weil es zur Stabilisierung der eigenen Welt und zur Stabilisierung der Umwelt beitragen kann. Diese Übereinstimmung zwischen persönlichen Leben und gesellschaftlicher Aufgabe macht zufriedener. Von daher sind die Fragen nach dem guten Leben und dem rechten Maß - die Fragen "Wie will ich / Wie wollen wir in Zukunft leben?" und "Was brauche ich / Was brauchen wir wirklich?" - zentral in einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.

 

Bildungsinhalte, die uns auf dem Weg zu einer suffizienten Gesellschaft helfen, müssen also neben dem Wissen verstärkt auch auf das Können setzen, das Zurechtfinden in einer komplexen Welt erleichtern und die Urteilskraft stärken. Bildungsinstitutionen müssen die Erfahrung immaterieller Zufriedenheitsquellen fördern, wie die Selbstwirksamkeit (dass ich etwas erreichen kann), die Solidarität des gemeinschaftlichen Handelns. Solidarisches Handeln kann dem Konkrurrenzkampf um sozialen Status entgegenwirken, der den materiellen Konsum antreibt. Ob ein eigenes Schulfach "Glück", wie dies schon praktiziert wurde, die Befriedigung zum Glück fördert, sollte diskutiert, erprobt und erforscht werden.

 

Eine umfassende Kompetenzorientierung hat in der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" (2005 - 2014) eine entscheidende Rolle gespielt und wurde in Schule und Hochschzule, aber auch in Kindergärten und im Bereich der Erwachsenenbildung in zahlreichen Projekten aktiv und innovativ umgesetzt. Darunter sind auch viele, die zu einer suffizienten Lebensweise beitragen. Diese sollten weiter verbreitet werden - denn die eigene Erfahrung ist oft wichtiger als die Wissensvermittlung und wecken ihrerseits das Interesse an Wissen. Deshalb sind Möglichkeiten und Freiräume für Erfahrungen und Experimente - ob individuell oder gemeinschaftlich - so wesentlich. Beide Zugänge - "vom Wissen zum Handeln" und "vom Handeln zum Wissen" - sind Wege zu einem suffizienten Lebensstil.

 

Uwe Schneidewind / Angelika Zahrnt (2013): Damit gutes Leben einfacher wird. Perspektiven einer Suffizienzpolitik. 130ff., oekom verlag.

Thema "Suffizienz" und "Psychologie"

  • politische ökologie (2013): Vom rechten Maß. Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz, oekom verlag.
  • Manfred Linz (2013): Suffizienz - unentbehrlich für Nachhaltigkeit. IN: Heike Leitschuh / Gerd Michelsen / Udo E. Simonis / Jörg Sommer / Ernst U. von Weizsäcker (Hrsg. - 2013): Jahrbuch Ökologie: Mut zu Visionen. Brücken in die Zukunft, 44. ff., Hirzel Verlag.
  • Nico Peach (2013): Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz. IN: Jahrbuch 2013: Bildung für nachhaltige Entwicklung, forum edition, forum umweltbildung für nachhaltige entwicklung.

 

  • Marcel Hunecke (2013): Psychologie der Nachhaltigkeit. Psychische Ressourcen für Postwachstumsgesellschaften, oekom verlag.

 

  • Peter Bieri (2011): Wie wollen wir leben?, dtv.
  • Ernst Fritz-Schubert (2010): Glück kann man lernen. Was Kinder stark fürs Leben macht. ullstein.

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Kommentare: 1
  • #1

    Devorah Oates (Freitag, 03 Februar 2017 02:12)


    Aw, this was a very good post. Spending some time and actual effort to produce a superb article� but what can I say� I procrastinate a lot and don't manage to get nearly anything done.

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